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Polizisten mit Vorleben

Nach der Lehrerausbildung zur Polizei, jetzt geht sie als Verkehrserzieherin zur Schule: Melina Seifert
Polizisten mit Vorleben
Vor zwei Jahren startete das Programm „Spezialisten zu Polizisten“. 300 Quereinsteiger sollen die Direktionen Kriminalität und Verkehr unterstützen.
Streife-Redaktion

Zwölfstundentage gehörten früher zu seinem Job, auch Nächte in Hotels und Tomatensaft im Flieger. Jeden Sonntag hat David Ridder seinen Trolley gepackt: Anzüge, Hemden und Krawatten. Montags saß er im Flieger oder ICE nach München, Frankfurt, Wiesbaden. Immer unter Strom. So wie das Leben eines Beraters eben nun mal aussieht, der für einen großen Wirtschaftsprüfer arbeitet. Ridders Schwerpunkte waren Finanzierung und Bilanzen. Doch an seinem 30. Geburtstag fragte sich der Betriebswirt: „Will ich mein Leben lang unterwegs sein?“ Wollte er nicht. Ridder entschied sich für eine andere Karriere: bei der Polizei.

Vollbremsung, Ausstieg. Neuanfang. David Ridder ist nicht der Einzige, der mitten im Berufsleben noch einmal den Beruf wechselt. Von den rund 2.600 Polizeianwärterinnen und -anwärtern, die jedes Jahr in Nordrhein-Westfalen starten, bringen viele bereits eine Ausbildung oder ein Studium mit: Manche haben Betriebswirtschaft studiert, wie David Ridder (34). Andere sind Lehrerinnen, wie Melina Seifert (28). Oder Informatiker, wie Julian Schröer (30). Drei der ersten 100 Beamtinnen und Beamten, die am Projekt „Spezialisten zu Polizisten“ teilnehmen, das die Landesregierung 2019 ins Leben rief. Die Idee dahinter: Bis Ende 2022 sollen 300 Quereinsteiger dort landen, wo es bei der Polizei Personal- und Wissenslücken gibt.

Das zweite Berufsleben von Finanzexperte David Ridder startete am 1. September 2020 bei der Kreispolizei Heinsberg, Bereich Wirtschaftskriminalität.

Brauner Linoleum-Fußboden, beiger Schreibtisch, eine Pinnwand mit Stecknadeln. Auf einem Schild neben der Tür steht: KK Ridder – KK für Kriminalkommissar. „Nicht so stylisch wie die Büros, in denen ich früher gearbeitet habe“, grinst er. Dafür aber persönlicher als die sterilen Nischen, in denen er bei seinem alten Arbeitgeber oft hockte, um Prozesse und Bilanzen großer Unternehmen zu analysieren.

„Hier arbeitet man im Team“, sagt der Kommissar und erzählt von seinen ersten Tagen im neuen Job. Gemeinsam mit den Kollegen hat er den „Earl of Bristol“ entlarvt – einen 25-jährigen Hochstapler, der in Luxushotels residierte und Nobel-Autos fuhr. Das Geld kam vom Konto nahestehender Personen, die zu spät merkten, dass er ihnen ständig Lügen auftischte. Ridder war bei der Hausdurchsuchung dabei. „Earl of Knast“ titelte die „Bild“, als der Scharlatan verurteilt wurde.

Der Fall war ein Vorgeschmack auf die Arbeit, die ihn bei der Kripo erwartete. Nicht alle Fälle sind so spektakulär, aber immer geht es um Geld und Betrug. Auf Ridders Schreibtisch in der Wache in Hückelhoven stapeln sich graue, gelbe, rosa Mappen. Am Morgen ist noch ein neuer Fall von der Staatsanwaltschaft gekommen. Ein älteres Ehepaar hat falsche Handwerker ins Haus gelassen. Jetzt sind 4.500 Euro weg.

Schockanrufe, Enkeltricks, PayPalFallen: Ridder kennt inzwischen unzählige Abzocker-Maschen. Ein Klassiker ist der eBay-Kleinanzeigen-Betrug: Ware gekauft, Summe per PayPal FF geschickt, Ware nie erhalten, Geld weg – und auch Täter weg. „Weil die meist unauffindbar im Netz abtauchen“, erklärt Ridder. Doch manche schnappen sie doch: Wie den 19-Jährigen, der das Geld für eine Playstation kassierte, sie aber nie lieferte. Der Käufer zeigte ihn an. Der Fall landete auf Ridders Tisch. Der meldete sich auf die nächste Anzeige. Der Betrüger lief ihm regelrecht in die Arme. „Es ist ein gutes Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“, sagt Ridder.

Wohin wird sein Weg führen? „Da gibt es viele Möglichkeiten.“ Gerade belegt er Fortbildungskurse zur Finanzwirtschaft. Thema Geldwäsche, also Einnahmen aus illegalen Geschäften, die nach dem Waschgang wie der Lohn aus ehrlicher Arbeit aussehen. Da geht es nicht nur um ein paar Tausend Euro, sondern oft um Millionen.

Ortswechsel in die Direktion Verkehr, Verkehrsinspektion und -prävention in Bonn. Hier arbeitet Spezialistin Melina Seifert. Sie war angehende Lehrerin, hat Sozialwissenschaften und Geografie an der Universität Köln studiert. Wie David Ridder grübelte sie nach dem Studium: „Brenne ich überhaupt für meinen Beruf?“ Auch sie startete 2017 noch einmal neu: bei der Polizei.

Eigentlich schieben Kommissaranwärterinnen und -anwärter nach ihrem dreijährigen Studium mindestens ein Jahr Wachdienst. Dann folgen drei Jahre bei der Bereitschaftspolizei. Grundsätzlich ist in den Polizeibehörden mit Bereitschaftspolizei erst danach eine Kripo- oder verkehrsfachliche Laufbahn möglich. David Ridder und Melina Seifert durften abkürzen und wurden direkt in ein Fachkommissariat versetzt. Und mit ihnen weitere Quereinsteiger: Insgesamt 83 Kolleginnen und Kollegen ihres Einstellungsjahrgangs wechselten nach ihrem Bachelor-Abschluss in den Bereich Kriminalitäts- und 17 in die Verkehrsunfallbekämpfung.

Seit Melina Seifert in Bonn ist, gibt es dort Verkehrserziehung auf Instagram, zum Beispiel den Post „Nur Armleuchter fahren ohne Licht“.

Und in Meckenheim und Rheinbach grüßen inzwischen Kindergartenkinder und Grundschüler die Polizistin in der blauen Uniform. Sie kennen sie – und den kleinen Timmi, den sie immer mit in den Unterricht bringt. Timmi ist eine Magnetfigur für die Tafel, die einen Schüler darstellt, der immer alles falsch macht: nicht nach links und rechts guckt, Ampeln übersieht und sogar schon einen Unfall hatte, weil er lieber mit Freunden quatschte, als auf die Autos zu achten.

Zehn Grundschulen und 35 Kindergärten betreut die Kommissarin. „Wenn ich vor den Kindern stehe, fühle ich mich wie eine Lehrerin“, sagt sie. Allerdings eine Lehrerin in voller Montur. Sie fragt: „Soll ich euch von Timmi erzählen?“ Die Kinder schreien: „Jaaaaaa!“ Dann malt Seifert mit Kreide eine Straße auf die Tafel, auf der ein rosa, ein gelbes und ein rotes Magnetauto fahren. Timmi steht mit seinen Freunden an einer Bordsteinkante. Seifert fragt: „Soll er schnell rüberrennen?“ Die Kinder schreien: „Nein!“ Aus Timmis Fehlern lernen sie, wie sie selbst sicher zur Schule kommen. Reime helfen, damit sie nichts vergessen. Wen ruft man an, wenn jemand Hilfe braucht? Die Kinder rufen: „1-1-O-sterei, das ist die Nummer der Polizei!“

Kommissarin und Lehrerin. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal beide Berufe miteinander verbinden könnte“, sagt Seifert. Deshalb hat sie sich zunächst auch nicht gemeldet, als sie zur Polizei ging und dort während des Bachelor-Studiums gefragt wurde, wer eine Zusatzqualifikation hat. Auf die Idee, dass ihre erste Ausbildung bei der Polizei gefragt war, kam sie erst, als die Ausbildungsleitung sie noch einmal direkt ansprach. Danach folgten Praktika in verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit. Seifert begleitete Kollegen in Gummersbach, die mit kriminellen Jugendlichen arbeiten. Im Polizeipräsidium Köln lernte sie das Verkehrskommissariat kennen. Und blieb an der Direktion Verkehr hängen.

Radfahrausbildung, Helmkontrollen, Verkehrsprüfungen. An einer Pinnwand hängen Dankespostkarten, daneben ein Poster mit Verkehrszeichen. Hat sie ihre Entscheidung je bereut? „Nein, die Arbeit macht mir riesigen Spaß“, so die junge Kommissarin. „Sie ist ein absoluter Jungbrunnen und bringt viele neue Ideen mit“, sagt Seiferts Vorgesetzter Polizeihauptkommissar Steffen Gräff. Das Durchschnittsalter in seiner Dienststelle liegt bei 52 Jahren. „Ich bin für die Kinder ein alter Opa; eine junge Kommissarin aber finden sie toll.“

Kriminalkommissariat 35 in Köln, Cybercrime/Internetkriminalität: Auf Julian Schröers Schreibtisch stehen drei Rechner, von denen einer für anonymisierte Recherchen vorgesehen ist. „Damit ich bei meinen Ermittlungen nicht als Polizeibeamter auffalle“, sagt der 30-jährige Mediengestalter, Informationswissenschaftler – und jetzt Kommissar. Einige Kollegen sind gerade in einem Europol-Online-Seminar. Es geht um Hightech-Verbrechen, Datenschutzverletzungen und Erpressungen. Um Verbrechern im Netz auf die Spur zu kommen, ist internationale Zusammenarbeit wichtig.

Schröer empfängt in einem Befehlsraum. Ein Dutzend Schreibtische stehen in Hufeisenform, auf einigen Rechnern flimmern blaue Bildschirmschoner. Von hier aus werden Großlagen geleitet. Doch an diesem Montag, 16 Uhr, ist sonst niemand hier. Dafür jagen in den Nachbarzimmern Kommissare gemeinsam mit IT-Spezialisten Cyberkriminelle – ganz lautlos, am Computer.

Wie das geht? Das ist kompliziert. Schröer erklärt, wie Hacker infizierte Mails versenden und Trojaner in Computer eindringen und Daten ausspionieren. Gerade sind sie einer Bande auf der Spur, die sich über Darknet-Foren vernetzt hat. Die attackiert jetzt Systeme großer Firmen, Verwaltungen oder Infrastrukturanbieter, zum Beispiel Energieversorger und Kliniken. Ihr Ziel ist klar: einsickern, lahmlegen – und dann erpressen.

Hätte jemand Schröer vor fünf Jahren gesagt, dass er mal Cyberverbrecher jagt, hätte er wahrscheinlich gelacht. Denn da hat er noch als Webdesigner und IT-Spezialist gearbeitet und Fanshops für große Fußballvereine und Autokonzerne im Netz gebaut und betreut. Freunde sagten: „Geiler Job.“ Doch Schröer sagt: „Es war eine oberflächliche, schnelle Welt. Ich habe bis zum Anschlag gearbeitet, wenig verdient und eigentlich nur geholfen, Biergläser und Trikots zu verhökern.“ Das war ihm zu wenig. Mit 26 Jahren hat er sich bei der Polizei beworben und gehört heute zum Programm „Spezialisten zu Polizisten“.

Hat er seine Entscheidung jemals bereut? Schröer sagt: „Keine Sekunde. Hier sind wir ein junges Team und können viel bewirken.“ Oft sind es Betrüger, die Online-Banking-Accounts übernehmen und widerrechtliche Transaktionen einleiten. Sie verstecken sich in den unendlichen Weiten des Netzes, doch manchmal sind sie unvorsichtig. Dann hat Schröer eine Chance. Vor Kurzem wurde in Österreich ein Krimineller festgenommen, der Zahlungsdaten ausgespäht und Konten leer geräumt hatte. Den hat er aufgespürt. Er sagt: „Ein tolles Gefühl.“

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